Ausbildung im: Thurgauisches
Lehrerseminar
Kreuzlingen
SLA Arbeit von Nadin Bill, 2a Sept. 2002
zu R.L. Stevenson
`Die Schatzinsel´

Grenzerfahrungen
im Seeräuberleben und ihre vertiefte Sicht
Robert
Louis Balfour Stevenson
schottischer Schriftsteller

geboren am 13. November
1850 in Edinburgh in Schottland
gestorben am 3. Dezember 1894 auf Westsamoa
SLA im Fach
Deutsch
Oktober 2002
Referentin: Barbara Sturzenegger
Vorwort
Für die Entstehungsgeschichte meiner SLA würde ich als Gleichnis die Entwicklung eines jeden Lebewesens im Wandel der Zeit bezeichnen. Abstraktgeformte Zellballen entwickeln sich zu ausgeklügelten Kreaturen - Grobe Stichwörter bilden im Endeffekt ausgearbeitete Texte. Es ist spannend, wie sich Ursprungsideen teilweise stark verändern können. Denn jede Ideenrichtung eröffnet tausend neue Ideenmöglichkeiten; und genau dies macht die Arbeit mit einem Buch so farbig.
Die Wahl meiner drei Themenbereiche lässt sich, so denke ich, am meisten mit meinen Interessen verbinden. Gleichzeitig hat sich herausgestellt, dass meine ausgewählten Themen wesentliche Teile des Abenteuerfundamentes sind.
Dies ist aber nicht die einzige Gemeinsamkeit der einzelnen Aspekte. Die Verbindung der drei Themen fasse ich durch den Oberbegriff `Grenzerfahrungen im Seeräuberleben und ihre vertiefte Sicht´ zusammen.
Im Formalen Aspekt untersuche ich die verschiedenen Möglichkeiten der Anwendung von Spannungsbogen. Dies verbindet sich direkt mit dem Inhaltlichen Aspekt, in dem vom Umgang mit Bedrohungen gesprochen wird. In Gegenwart einer Bedrohung, einer Gefahr ist die Spannung steigend. Eine Spannung kommt dann zu Stande, wenn einem Neuartiges zustösst. Man bricht aus der heimischen, vertrauten Umwelt aus, um sich neuen Gefahren, neuen Herausforderungen auszusetzen. Man sucht ein spannenderes Leben. Und solch ein Leben tritt ein, wenn man sich Unbekanntem zuwendet, neue Grenzen erlebt.
Der grundsätzliche Abenteuerwunsch, nämlich das Ausbrechen aus einer Ordnung ist aber keineswegs nur Männersache. Und das ist der Grund für meine Auseinandersetzung mit einem weiteren weiblichen Wesen im produktiven Zugang. Im Abenteuer und somit bei Grenzerfahrungen kommen echteste und charakteristischste Menschenregungen zu Tage. Und dies ist mein Ziel, einen Teil dieser tieferen Sicht des gelesenen Abenteuers wiederzuspiegeln.
Angenehme Lesestunden wünsche ich den Lesern von Herzen.
1.1 Zum
Begriff `Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur´
1.1.1 Definition
des Begriffs `Kinderklassiker´
1.2 Zusammenfassung
des Basisartikels Abenteuerliteratur
1.2.1 Strukturen
und Grundzüge der Abenteuerliteratur
1.2.2 Herkunft
und Geschichte der Abenteuerliteratur
1.2.3 Abenteuerliteratur
für junge Leser
1.2.4 Zur
Rezeption der Abenteuerliteratur
1.2.5 Didaktische
Überlegungen
2.1.1.1 Formalitäten innerhalb eines Spannungsbogen
2.1.1.2 Formalitäten des Zusammenspiels der
Spannungsfragmente
2.1.1.3 Formalitäten eines einzelnen Spannungsbogen
2.1.1.4 Funktionen der Spannungsbogen
2.2.1.1 Verstandesmässiger Umgang
(Aus Bettina Kümmerling-Meibauer 4-16)
Die schwedische Reformpädagogin Ellen Key verfolgte im Jahre 1900 dieselben Ziele wie Rousseau. Sie mass der Kinderliteratur für das Erreichen dieses Zieles grosse Bedeutung zu, gleichzeitig wünschte sie sich, dass das Wohlergehen und die humane Erziehung des Kindes bald im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses sein würde. Sie hoffte mit dem Beginn des 20. Jahrhundert für ein Jahrhundert des Kindes. Ihre Hoffnung wurde jedoch mit dem Krieg zerstört. Es entstanden einige Sammelbände zwischen 1969-1995, diese werden jedoch von vielen Kinderliteraturwissenschaftlern als unzureichend kritisiert.
Der Klassikerbegriff bezieht sich in der Regel auf einzelne Werke, nicht aber auf den Autor oder den jeweiligen Zeitabschnitt. Die Kinderliteratur kennt keine klassische Epoche. In vorangegangenen Klassikerreihen dominieren immer die älteren Bücher (vor 1945). Im Lexikon `Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur´ (abgekürzt: KKJL) wird, um die Länder zu berücksichtigen, deren Kinderliteratur sich erst nach 1945 entwickelte, nur in einem Drittel auf moderne Titel zurückgegriffen. Das KKJL beinhaltet Kinderklassiker von 65 Ländern.
Ein Kinderklassiker liegt dann vor, wenn das betreffende Buch beliebt und weitverbreitet war und auch in der Gegenwart noch gelesen wird (Popularität und Langlebigkeit). Klassiker sind vorbildliche Kinderbücher, deren Wert oft im pädagogisch-didaktischen Bereich gesehen wird. Eine dringliche Aufgabe ist es die Wirkungs- und Wertungsgeschichte der Kinderklassiker zu analysieren, massgebend für das eigentliche Kriterium des KKJL ist aber die literarische Qualität.
Die Klassikerdefinition, die dem KKJL
zugrunde liegt, lautet wie folgt: Als Kinderklassiker gelten diejenigen Werke,
die in der Kinderliteratur eines Landes oder eines Sprachraums eine
herausragende Rolle spielen bzw. gespielt haben und sich hinsichtlich ihrer
literarisch-ästhetischen Qualität durch eine besondere Innovationsleistung und
Repräsentativität für ihre Epoche auszeichnen.
Innovativität: Dieser Punkt beinhaltet alle literarischen Merkmale eines Textes (Inhalt; Motive, Genre usw.) und wird oft mit dem Aspekt der Originalität in Verbindung gebracht. Bei einem innovativen Klassiker handelt es sich um ein für sein Herkunftsland innovatives Produkt . Das Buch muss nicht eine allgemein weltliche Besonderheit sein. Ein Buch, welches diesen Punkt erfüllt, zeichnet sich folglich durch eine ungewohnte, neuartige, erfinderische, kreative oder originelle Gestaltung des Textes aus.
Repräsentativität: Ein Kinderbuch, welches auf dieses Kriterium aufmerksam macht, zeigt eine bedeutende Leistung in der Überlieferung eines literarischen Merkmals oder wird als herausragender Vertreter einer kinderliterarischen Entwicklung innerhalb eines Epochenabschnittes angesehen.
Ästhetische Gestaltung der Sprache: Je nach Thema oder Erzählstruktur wird eine passende Gestaltung gewählt. Herausragende Merkmale können dabei Verbindungen verschiedener Sprachstile oder die Einführung bzw. Erfindung neuer sprachlicher Formen sein. Es ist auf das Alter der Zielgruppe Rücksicht zu nehmen. Die sprachlichen Spielereien bereiten den Kindern Freude.
Einfachheit: Bei diesem Kriterium ist auf das begrenzte Weltwissen, das Sprachvermögen und auf die fehlende Literaturerfahrung des anzusprechenden Kindes zu achten, ohne jedoch ins Simple oder Plumpe zu fallen. Entgegen kommen die Autoren den Lesern in einsträngig erzählten Handlungen und kurzen Sätzen. Es ist wichtig für die Kinder, dass sie den Text überschauen können. Darum sollte der Autor mit begrenzten Räumen, abgeschlossenen Spannungsbogen innerhalb eines Kapitels, strikter Beibehaltung der Perspektive und deutlichen, vorstellbaren Beschreibungen zu schreiben versuchen.
Darstellung der kindlichen Erlebniswelt: Dass sich die Erwachsenen in die Welt des Kindes einlassen gilt als selbstverständlich, meist sind aber ihre persönlichen Kindheitserinnerungen vergessen gegangen. Die AutorInnen orientieren sich darum im Umgang mit Kindern.
Phantasie: Die Kunst hier liegt darin, eine gesunde Mischung bzw. ein sinnvolles Zusammentreffen zwischen realistischen und phantastischen Ereignissen zu finden. Sonderfälle stellen Geschichten dar, die eine in sich abgeschlossene phantastische Welt haben und plausible Schilderungen der Handlung und Charaktere erreichen.
Polyvalenz: Die Handlungen und Figuren im Buch sind u.a. durch ihre Offenheit mehrsinnig. Es gibt sozusagen verschiedene Deutungsmöglichkeiten.
Cross-Writing: Drei Aspekte werden bei diesem Merkmal beachtet; 1. Die Tatsache, dass viele KinderbuchautorInnen auch Werke für Erwachsene schreiben. 2. Die doppelte Adressiertheit: Ein Buch für Kinder und Erwachsene. 3. Die Umwandlung eines Erwachsenenbuches in ein Kinderbuch und vice versa.
Mindestens drei Kriterien müssen vom entsprechenden Kinderbuch erfüllt sein um die Klassizität zu erreichen. Es gibt je nach Anzahl der zutreffenden Kriterien eine Einteilung in den Kernbereich oder in einen Randbezirk.
(Aus Lange 415-440)
Greift man auf den lateinischen Ursprung des Wortes Abenteuer zurück, hat es die Bedeutung „etwas, das geschieht, sich ereignet“. Der Held verlässt aufgrund seiner eigenen Entscheidung seine ihm vertraute heimische Umwelt, um sich in der Fremde unbekannten Gefahren auszusetzen.
1. Die auf Spannung angelegte Erzählstruktur 2. Die fast immer fremdartige, exotische Welt, in der sich die Handlung vollzieht. 3. Der Held ist aussergewöhnlichen Ereignissen ausgesetzt. 4. Trotzdem wird der Inhalt real dargestellt. 5. Die wiederkehrende Handlungsgrundlinie.
Die Wurzeln keiner anderen Jugendbuchgattung liegen so weit zurück, wie die der Abenteuerliteratur. Anfangs (um 2000 vor Christus) sind die Abenteuer der Helden meist nicht frei gewählt, sondern von anderen Menschen, Göttern oder vom Schicksal auferlegt. Sozusagen Abenteuerliches in Verbindung mit Magischem und Mythischem. Im Hochmittelalter sind die Abenteuer von festen Regeln z. B. von traditionellen Zweikämpfen unter Rittern geprägt; also stilisierte, ritualisierte Abenteuer. Im 16 Jh. werden Schelmenromane geschrieben, in denen der Held ein Mensch mit Schwächen und fragwürdigen Charaktereigenschaften ist. Durch diese Entwicklung entstanden Handlungen, die auf dem Boden des Realismus gebaut sind.
Eine Entfaltung der Abenteuerliteratur ist durch die eigenen Erfahrungen oder detailliertes Wissen der Autoren entstanden. Durch das Schöpfen aus eigener Erfahrung sind auch einige der englischen Seeromane entstanden.
Eine Abgrenzung der Jugendliteratur von der Literatur für Erwachsene ist im Bereich des Abenteuerbuches besonders schwer zu vollziehen. Es gibt drei Gruppen der Einteilung: 1. Ursprünglich für Erwachsene geschrieben, dann aber auch als Jugendlektüre herausgegeben. 2. Durch Bearbeitung von Erwachsenen- zur Jugendliteratur. 3. Eigens für Kinder und Jugendliche geschriebene Abenteuer.
Vor allen anderen Gattungen wird das Abenteuer von Kindern und Jugendlichen bevorzugt. Diese Tatsachen beunruhigen die Pädagogen, da die Abenteuer ein Schritt aus der Ordnung sind. Darum haben die Pädagogen Strategien entwickelt, um die „abwegige“ Idee des Abenteuers auf eine andere Bahn zu lenken: Das Abenteuer wird als Verpackung von Sachwissen, von moralischer Belehrung oder als Brücke zu anderen Formen der Literatur benutzt. Oft wird bei solchen Ausführungen der wichtige Aspekt der Abenteuerliteratur vergessen: Die Abenteuerliteratur vermittelt den Lesern Gegenbilder der Ordnung, vergegenwärtigen das Ausser-Ordentliche und haben somit eine befreiende Funktion. Der Leser darf spüren, dass hier im Grunde seine Sache verhandelt wird.
Qualitätsmerkmale der Abenteuerliteratur sind neben den Grundzügen, beispielsweise die Informationen über die Verhältnisse in irgendeinem Teil der Welt. Sobald der Text aber nur noch Vehikel der Belehrung ist, wird es problematisch. Das Abenteuerbuch sollte nicht spezifisch Völkerkunde, Geschichte oder Moral vermitteln.
Aus psychologisch-pädagogischer Sicht wird eine gewisse Notwendigkeit in der Abenteuerliteratur gesehen, aus literaturdidaktischer Sicht wird sie mit Misstrauen betrachtet. Dieses Misstrauen kommt u.a. durch fehlende Heldinnen, durch den Abenteurer der die Fremde primär als Selbstbestätigung absorbiert oder durch den asozialen Abenteurers, der heute als Identifikationsfigur gelten soll.
Wesentliche Merkmale des Abenteuers sind die Ablösungsprozesse, didaktisch ausgedrückt Identitätsfindung und die Entfaltung des Fremdverstehens, obwohl hier oft das Problem von eurozentrischen oder ethnozentrischen Haltungen angetroffen wird. Es geht hier um interkulturelle Lernziele; um das Vorstellungslernen, um die Ausbildung von Empathie, um den Aufbau einer toleranten und verantwortungsbewussten Haltung gegenüber jeder Form von Leben, sowie der Wahrnehmung deren sozialen und politischen Situation.
Eine vertiefte Sicht oder anthropologische Funktion des Abenteuers zeigt, dass das Abenteuer eigentlich mit dem Ziel des menschlichen Seins zu tun hat: Der Aufbruch, das Unterwegssein als Gleichnis des menschlichen Lebens.
Allein auch wegen der Leseförderung ist das Abenteuer aufgrund ihres Unterhaltungswert wichtig, auch gibt die spannende Abenteuerlektüre Impulse zur Aktivierung des Einzelnen, auch zur Befriedigung des Abenteuerdranges.
Abenteuerbücher sind im Zusammenwirken von Personalisations-, Sozialisations- und Enkulturationsaufgaben sehr ergiebig und somit geeignet für den Schulunterricht.
In der Auseinandersetzung mit den Spannungsbogen im ausgewählten Text bin ich auf zwei Betrachtungsweisen gestossen. Einerseits wie sieht ein Spannungsbogen aus; welche kleinere Einheiten verstecken sich in einem einzelnen Spannungsbogen, welche Gruppierungen gibt es im Zusammenspiel der kleineren Einheiten und wie kann ein Spannungsbogen im Bezug auf das Buch verlaufen. Andererseits die Funktionen und Wirkungen der Spannungsbogen im Allgemeinen und im untersuchten Text.
Die Grafik zeigt den Verlauf der Spannungsbogen in den ausgewählten Kapiteln. In den ersten beiden Kapiteln gibt es sechs Spannungsbogen. Ihre Reihenfolge ist auf der Grafik bewusst durch ihr Ersterscheinen im Buch aufgelistet. Unter den Seitenzahlen, bei denen die Felder gefärbt sind, findet man in den Kapiteln entweder Beginne eines Spannungsbogen oder Aktualisierungen (Erinnerungen, Erweiterungen, Verstärkungen oder Anregungen) eines gängigen Spannungsbogen. Neben diesen erwähnten Möglichkeiten, welche ich als Spannungssplitter bezeichne, gibt es ebenfalls Spannungsblöcke. Man erkennt ein Spannungsblock an der Seitenanzahl (ein Spannungsblock läuft über eine Seite hinaus). In einem Spannungsblock spielen sich meist ganze Szenen ab. Wir unterscheiden innerhalb eines einzelnen Spannungsbogen demzufolge zwischen zwei kleineren Einheiten: Spannungssplitter(stück) und Spannungsblock(szenerie). Diese Einzelteile des Spannungsbogens nenne ich Spannungsfragmente. (Siehe in der Grafik gelbes Feld)
Die Schreibsystematik des Autors in den Kapiteln 1 und 2 ist folgendermaßen
zu beschreiben.
1. (D) Er wählt ein Spannungsfragment, welches ein gleichfalls laufendes
(aber von einem anderen Spannungsbogen) Spannungsfragment einklammert. (Siehe
S.16 und 19 klammert S.17/18 ein )
2. (E) In den Spannungsblock des einen Spannungsbogen lässt er ein
Spannungssplitter eines anderen Spannungsbogen einfließen.(Siehe S.18, 25)
3. (F) Er beendet ein Spannungsfragment und beginnt direkt anschließend ein
neues Fragment; eines gängigen oder beginnenden Spannungsbogen. (Siehe S.
23/24)
Eine Ausnahme, bzw. eine neue Variante trifft man im 20. Kapitel an. Stevenson hat das ganze Kapitel mit einem einzigen Spannungsfragment gefüllt; einem Spannungsblock. Auch der Spannungsbogen endet am Schluss des Kapitels, d.h. dass der Autor diesen Spannungsbogen mit einem einzigen Spannungsfragment ausgefüllt hat. Innerhalb dieses Spannungsblockes habe ich auf der Grafik den Spannungsverlauf eingezeichnet.
In den untersuchten Textstellen bin ich auf folgende drei, rein äusserlich einzuteilende, Gruppen gestossen.
1. (A) Es gibt Spannungsbogen, die in einem Kapitel
abgeschlossen werden. Sie sind meist ein Vorspiel für einen darauffolgenden
Spannungsbogen. (Siehe S. 17-18, S. 20-24)
2. (B) Es gibt weiterführende Spannungsbogen, d.h. sie enden nicht innerhalb des Kapitels, indem sie ihren Ursprung haben, sondern erst in einem der Folgenden. Sie kommen im direkt anschliessenden Kapitel zur Aktualisierung. (Siehe S. 16/19/25, S.18/24-27,
3. (C) Kapitelübergreifende Spannungsbogen, damit meine ich einen Spannungsbogen, der in einem Kapitel beginnt und erst im übernächsten Kapitel wieder aufgenommen wird. (Siehe S.13-14/ausserhalb der Kapitel 1und 2, S.11/16/ausserhalb der Kapitel)
Mit einem Spannungsbogen taucht automatisch eine Frage auf. Angesichts des Buches „Die Schatzinsel“, weiss der Leser automatisch, dass es sich um einen Schatz handeln muss, daher stellt er sich beispielsweise die Frage: Wo genau ist der Schatz? Wird der Schatz jemals geborgen werden? Hier haben wir es mit dem Hauptspannungsbogen des Buches zu tun und somit ist auch die Grundfrage gestellt. Dasselbe geschieht im Buch innerhalb eines Kapitels, denn beim Lesen eines Kapiteltitels beginnt der Spannungsbogen und die dazugehörige, meist individuelle Kapitelgrundfrage. Sie ist auch identisch mit der hauptsächlichen Handlung des Kapitels. Und genau diese Grundfragen, seien sie durch den Buchtitel oder die Kapiteltitel entstanden, animieren den Leser das Buch zu kaufen oder weiterzulesen.
Am Anfang des Buches ist es wichtig viele
Spannungseröffnungen zu platzieren. Denn der Anfang des Buches ist es, der den
Leser bei einer Leseprobe anregt oder abschreckt. Stevenson bestätigt diese
Theorie:
Bereits auf der ersten Seite des Abenteuers wird der Leser mit dem Seemann Bill
und seiner Seemannskiste konfrontiert. „Ich erinnere mich deutlich, [...],
seine Seemannskiste auf einem Schubkarren hinter sich“ (Stevenson o.J., 11).
Nun, der Autor bringt dieses wichtige Objekt zum ersten Mal auf der ersten
Seite zur Sprache. Ein zweiter wichtiger Spannungsbogen beginnt Stevenson auf
der dreizehnten Seite. Darum behaupte ich, dass das Ersterscheinen der
Spannungsbogen viel mit ihrer Wichtigkeit zu tun hat: Beispielsweise wissen
wir, dass der Inhalt der Seemannskiste, im Speziellen die Schatzkarte, welche
sich in der Seemannskiste befindet, das bedeutendste Objekt der ganzen
Geschichte ist. Das Abenteuer reisst den Leser durch die Spannungsbogen mit.
Mit dieser Erkenntnis wird auch verständlich, warum sich die
Spannungsbogensystematik am Anfang des Buches (1. und 2. Kapitel) von der, des
20. Kapitels unterscheidet: Die Spannungsbogenanordnung hat im 1. und 2.
Kapitel eine andere Funktion als im 20. Kapitel. Denn ein Leser, welcher in der
Mitte des Buches angelangt ist, muss man nicht mehr wie im Sinne des Buchbeginnes,
von der Buchqualität überzeugen, sondern viel eher bei Laune und Stimmung
halten. Und dies geschieht durch einen ausgebauteren, intensiveren
Spannungsbogeninhalt. Der Beweis dazu liefert das 20. Kapitel, in dem es sich
im ganzen Kapitel um dasselbe handelt. Der Leser ist jetzt ein Teil vom Buch,
ein Freund geworden und nicht mehr Prüfer.
Abschliessend könnte die Frage auftauchen, was geschieht denn, wenn kein Spannungsbogen beginnt, aktualisiert wird oder endet? Sind diese Zeilen dann einfach langweilig? Nach meiner Grafik wird auf den Seiten 12 und 15 kein Spannungsbogen direkt aufgegriffen: Auf diesen beiden Seiten werden die Leser aber keineswegs gelangweilt, sondern in die Stimmung des Wirtshauses gebracht. Um Stimmungen herzustellen braucht es Beschreibungen und Schilderungen, aber nichts allzu Bedeutendes. Auf diese Weise kann kein Spannungsbogen entstehen und der Leser langweilt sich nicht; er verliert höchstens an Konzentration, welche aber durch das nächste Spannungsfragment wieder aufgefrischt wird.
Zusammenfassend möchte ich betonen, welche Wichtigkeit der Ablauf der Spannungsbogen hat. Jedes Fragment und jeder Block eines Spannungsbogens muss gezielt platziert werden. Der Inhalt ist hier eigentlich zweitrangig. Darum bin ich im ersten Teil dieses Aspektes genaustens auf die Differenzen der Spannungsbogen eingegangen. Die Frage bleibt offen, ob Stevenson die Spannungsbogen intuitiv schrieb oder sie vorher systematisch aufzeichnete und überdachte. Stevenson schrieb einen Teil des Buches im pro Tag/ein Kapitel Takt, daraus schliesse ich auf ein intuitives Spannungsbogenschreiben. Möglich wäre, dass er den zweiten Teil der Schatzinsel, bezüglich Spannungsbogen, systematischer schrieb, da es ihm psychisch und physisch schlechter ging.

"Eine Bedrohung ist die Ankündigung eines Übels, das bestimmt und geeignet ist, die Willensfreiheit des Bedrohten zu beschränken" (Brockhaus 1973, 293). Eine Person wird mit einer Situation konfrontiert, die nicht ihrer Vorstellung entspricht und zugleich schlechte Auswirkungen, wie materielle Verluste oder Tod, auf sie ausüben kann. Die Person fühlt sich bedroht. Die Folgen dieser Bedrohung sind bspw. Angst, Verzweiflung, Lüge oder tödliche Affekthandlungen. Durch die Figur John Silver lässt der Autor verschiedenste Umgangsmöglichkeiten mit der Bedrohung entstehen. Ich möchte in den folgenden Kapiteln zwei grundsätzlich verschiedene Seiten des Umgangs mit der Bedrohung erläutern.
Unter verstandesmässigem Umgang mit einer äusseren Bedrohung ist folgendes gemeint: Die Bedrohung ist für die Figur eine unwahrhaftige Bedrohung, weil die Figur taktisch auf sie reagieren kann. Diese Vorgehensweise hat sie sich durch Lebenserfahrung und Überlegenheit angeeignet. Eine planmässige und vernünftige Handhabung mit der Bedrohung erweckt den Eindruck von absoluter Kontrolle über die bedrohliche Situation. Die Figur John Silver scheint in einer bedrohlichen Lage ein geschickter Spieler zu sein. Er spielt seiner Gegenpartei etwas vor, um seinem Willen erneut wiederstandslose Macht zu geben. Silver tut alles erdenkliche, um sich seine Macht zu sichern oder zurück zu ergattern. Die Theorie soll nun anhand der Praxis gezeigt werden.
Die Stimmung der Matrosen ist schlecht, denn der blosse Anblick der Schatzinsel hat ihre Disziplin gelockert. Die Kajütenpartei wittert die Gefahr eines baldigen Ausbruchs. Auch John Silver erkennt die schlummernde Bedrohung für seinen Meuterei-Plan: Einerseits braucht er den Grossteil der Schiffsbesatzung, andererseits ist eine Überreaktion der Kajütenpartei ebenso wenig vorteilhaft für sein Vorhaben. Darum sieht John Silver seine Aufgabe darin eine Eskalation zu verhindern: „Er übertraf sich förmlich an Höflichkeit und Dienstfertigkeit und hatte für jeden ein freundliches Lächeln. [...] Wenn es nichts weiter zu tun gab, so sang er ein Lied nach dem anderen, wie um die Unzufriedenheit der anderen zu verschleiern“ (Stevenson o.J., 120). Die angewandte Variante deutet unverkennbar auf ein geordnetes und geschicktes Verfahren von Silver hin. Dem Leser wird es ungeheuer zumute, da er nicht weiss, wie er Silver einschätzen soll. Silver gewinnt somit an Respekt und wird beim Leser zum Sinnbild des Unbegreiflichen.
Dass Stevenson (o.J., 298) Silver auf der Heimreise umgeben von (ehemaligen) Feinden ebenso sanft, höflich und dienstwillig wie auf der Ausreise beschreibt, wundert mich nach der genaueren Befassung mit diesem gerissenen, skrupellosen und doch bewundernswerten Piraten John Silver nicht mehr. Denn wie bei der Ausreise, so hat er auch auf der Heimreise einen Plan. Er verhält sich dementsprechend ungefährlich bis es Zeit wird auszupacken. Ungefährlich auch darum, da er seiner Gegenpartei völlig ausgeliefert ist und zusätzlich abhängiger denn je, sei es für seine ferne oder nahe Zukunft. Er demonstriert seinem Umfeld bis zur Flucht seine konstant bedrohte Lage in unterwürfiger und unauffälliger Haltung.
Im Umgang mit herannahenden Bedrohungen zeigt Silver eine listige Strategie. Er lässt bei seinem Gegenüber Schmeicheleien spielen, stellt sich als gütige Person aus und erregt Mitleid. Im Grunde ist die Bedrohung für Silver dann schon präsent, wenn sein Gegenüber auch nur ein kleines Anzeichen von Widerwille zeigt. Dies ist bei dem nachstehenden Zitat der Fall. „ ‘Kamerad‘, sagte er, ‘ 's ist nur, weil ich dich für einen Goldjungen halte, verlass dich drauf! Würde ich dich wohl gewarnt haben, wenn ich dich nicht ins Herz geschlossen hätte? Die Sache ist unwiderruflich - du kannst sie weder ändern noch hindern - ich rede ja nur, um deinen Hals zu retten. Und wenn einer der wilden Burschen es wüsste, wie würde es mir gehen, Tom - was meinst du wohl, wie würde es mir gehn?‘ “ (Stevenson o.J., 126f). Tom ist eine ehrlicher Mann und lässt sich von dem meuterischen Vorhaben Silvers nicht mitreissen. Silver muss folglich zum nächsten und letzten Schritt gehen, den des kaltblütigen Todschlages. Hiermit gibt es einen Wechsel von dem Lösen der bedrohlichen Probleme in verbalen Varianten und dem Lösen mit handgreiflichen Mitteln. Fraglich ist, ob Silver Tom ebenfalls ohne weitere verbale Versuche getötet hätte, wenn er die Mordtat seiner entfernten Verbündeten nicht gehört hätte.
Mit dem Ausgang dieser Situation bzw. mit dem Mord an Tom töne ich bereits den emotionalen Umgang mit einer Bedrohung an, denn dem Text nach zu urteilen, riecht es eher nach einer triebhaften Tat. „[...]; seine Augen erschienen nur noch wie Stecknadelköpfe [...], funkelten aber wie Glasscherben“ (Stevenson o.J., 128)
Mit diesem Titel fasse ich die Art der Reaktionen durch die Bedrohungen zusammen, welche natürlich und spontan entstehen. Anders gesagt Bedrohungen, die eine wirkliche Bedrohung für den Betreffenden sind. Dieses Kapitel ist dürftiger an Beispielen. Dies bestätigt, dass Silver tendenziell weniger zu impulsiven Ausbrüchen neigt.
Einmal versucht Silver seine Gegner mit ausgesuchter Höflichkeit, wie es seine Eigenart kennzeichnet, zu beeinflussen; diese Spielerei macht jedoch keinerlei Eindruck. Da er in der Minderzahl ist und sein Wort gegeben hat, muss er die Möglichkeit sein Gegenüber zu töten ausschliessen. John Silver wird von seiner Opposition provoziert und ist nicht imstande seine bedrohliche Lage mit sicherer Miene im Griff und zu halten. Seine Reaktion ist wutentbrannt und unkontrolliert. Er kontert mit derselben Art wie sein Provokant. „ ‘Ehe eine Stunde um ist, wird das Lachen auf unserer Seite sein! Am besten werden's noch die haben, die gleich tot sind!‘ “(Stevenson o.J., 178).
Jim befindet sich im feindlichen Lager und hat eben seine Heldentaten, zur Sprachlosigkeit der Seemänner, erzählt. Morgan will Jim dafür büssen lassen. Silver verteidigt Jim, da er ihn voraussichtlich als Retter braucht, indem er seinen revoltierenden Artgenossen mit einer groben Rede abkühlt: „ ‘Wenn du mir in die Quere kommst, schicke ich dich den Weg, den in den letzten dreissig Jahren schon viele bessere Seeleute vor dir gegangen sind [...]‘ " (Stevenson o.J., 249). In der Folge fordert Silver die Kollegen zum Kampfe heraus: „ ´Wer's wagt, der nehme ein Entermesser, und ich will ihn mir von innen anschauen, trotz meiner Krücke, bevor meine Pfeife kalt ist!‘ " (Stevenson o.J., 249). Da Silver eine autoritäre Stellung vertritt, ist er in einer gefahrdrohenden Lage befähigt, den Rebellen wiederum zu drohen. Folglich besteht die Möglichkeit, dass es bei passenden Konstellationen einen Bedrohungskreislauf oder eine Verschiebung der bedrohten Person geben kann.
Eine neue Eigenschaft im Umgang mit Bedrohungen zeigt Silver, als er durch die heldenhaften Erzählungen von Jim, durch die bedingungslose Übergabe der Schatzkarte der übriggebliebenen Kajütenpartei und durch den momentanen Matrosenrat eine Unsicherheit nicht versagen kann. Silver beginnt mit einer neuen, persönlichen, geradezu ehrlich klingenden Art und Weise: „ ‘Sie sind herausgegangen, um mich abzusetzen. Aber ich halte zu dir durch dick und dünn. Anfänglich hatte ich nicht die Absicht, nein, erst als du gesprochen hast‘ “(Stevenson 2000, 251). Und mit diesem Beispiel noch nicht genug vom bisher Unbekannten: " ‘Es kommt ein Sturm, Jim‘, sagte Silver, der inzwischen einen ganz freundlichen und herzlichen Ton mir gegenüber angeschlagen hatte" (Stevenson 2000, 254).
Im Kontext des ganzen Buches weiss man, dass Silver den Jungen später doch verraten hätte, wenn nicht ein Zufall dazwischen gekommen wäre. Daraus erkenne ich, dass es Silver ebenfalls gegeben ist durch eine Bedrohung Ehrlichkeit, Herzlichkeit und Freundlichkeit vorzutäuschen. Ob er diese Züge bewusst mit dem Gedanke an das Zukünftige ausführt oder affektiv um seine momentane Lage zu retten ist unklar. Infolgedessen könnte dieses Beispiel dem verstandesmässigen oder dem emotionalen Umgang beigeordnet werden.
Wir haben nun zwei Umgangsarten von John Silver in Bedrohungssituationen gesehen. Es kommen offensichtlich zwei gegenteilige Reaktionsformen Silvers in bedrohlichen Positionen zu Tage. Einerseits kann er freundlich und liebenswürdig sein, auf der anderen Seite berechnend und abgestumpft. So macht Silver oberflächlich und flüchtig wahrgenommen den Eindruck einer entzweigespalteten Persönlichkeit. Durch die Analyse jedoch erfahren wir, dass allein seine Absicht massgebend für seine Umgangsform ist. John Silver ist im Grunde immer der, der sich seine Willensfreiheit durch nichts einschränken lassen will.
Die Grunderkenntnis dieser Untersuchung würde ich als `der fortwährende Kampf für den eigenen Nutzen´ bezeichnen. Wie ich im Vorwort angetönt habe, kommen im Abenteuer charakteristischste Menschenregungen zu Tage und das Wesentliche und Tragische ist, dass diese alle durch den Egoismus geprägt sind.
Mein Ziel ist es dieser Männergeschichte, die ursprünglich nur für Knaben geschrieben wurde, in einer besonderen Form einen weiblichen Hauch einzuflössen. Die vorkommende Frauengestalt soll in dieser rauhen Männerwelt eine gegenteilige Position vertreten. Sie soll, vielleicht auf eine Art Klischée vertretend, das Gefühlsmässige oder das Herzzerreissende vermitteln. Meines Erachtens gehört dieser Aspekt, ob bewusst oder unbewusst vom Autor nicht im Speziellen aufgenommen, in ein Abenteuerbuch. Die Lust ein Abenteuer zu erleben, entsteht grundsätzlich immer mit einer Sehnsucht nach Besserem, nach Anderem, nach Neuem. Ich hoffe es gelingt mir die eher leidenschaftliche, mystische Stimmung, welche eine Reise auf hoher See mit sich bringt, durch die neue Figur zu veranschaulichen.
In der Pirateriegeschichte gab es ebenfalls bedeutende Vorkommnisse mit Frauen. Aus diesem Grund habe ich mich gewagt die folgende, vielleicht auf den ersten Blick abwegige, Idee einzubringen.
(zwischen den ersten beiden Zeilen und dem Dialog von Jim und Ben Gunn auf S.163)
„Kaum hatte Ben Gunn die Flagge erblickt, als er mich am Arm zurückhielt und sich dann auf den Boden setzte“ (Stevenson 2000, 163). Er sagte nichts und es schien so, als ob er sich verwandelte. Seine Hände mit denen er vorhin noch so wild gestikulierte, wurden ruhig. Seine Augen schauten in die Ferne oder ins Nichts und begannen zu glänzen. Die Farbe wich aus seinem verwilderten Gesicht. Es war unheimlich, ich fragte mich ob es etwa die britische Flagge war, die ihn so erstarren liess. Ich wurde unruhig und stupste den halb in einen Traumzustand verfallenen Inselmensch. Er reagierte schnell und sprach leise irgendwelche Fragmente vor sich hin:„... die letzte Fahrt ... sie ... andersgeartet ... Wesen... “ Ich verstand von alle dem nichts und wartete bis er sich erholte. Mit der Zeit sprach er immer deutlicher, kräftiger und zusammenhängender: „...Weißt du, damals auf der letzten Fahrt, bevor ich ausgesetzt wurde, ereignete sich Ausserordentliches. Anfangs dachte ich, wir hätten ausser Flint und Silver eine einigermassen gewöhnliche Seebärenbande, doch nein; da war einer, ein feingebauter, eher junger Pirat. Er hiess Noah und musste eine Landratte sein. Diese Vermutung entstand, weil er jeden Abend etwas in ein kleines grünes Büchlein schrieb: Richtige Seeräuber können weder schreiben noch rechnen. Ich beobachtete Noah bei jeder Möglichkeit. Er hatte mich wahrhaftig in seinen Bann gezogen, mit seinem erhabenen Auftreten; er war einfach zweierlei von uns. William mein einziger wahrer Gefährte, beobachtete Noah einmal wie er mit einem schmerzvollen Ausdruck im Gesicht etwas ausrechnete, eine Art Tabelle soll er in sein Büchlein gezeichnet haben. Aber nie, nie vernachlässigte er seine Arbeit; flink und geschickt verrichtete er seine Aufgaben.“
Ben schien in Fahrt gekommen zu sein. Seine Phrasen plätscherten wie ein Wasserfall auf mich ein. Ich denke, es heiterte ihn selbst auf von Noah erzählen zu können: „Während Besäufnissen unserer Crew zog sich dieser wunderliche Mensch zurück. Oft stand er an der Reling auf dem Achterdeck (höchstes, hinteres Schiffsdeck) und schaute in die tiefe dunkle Nacht. Und manchmal stieg er früh morgens, wenn wir in einer Windflaute lagen und die Seemannsbrüder von den Grogrunden (heisses Wasser mit Rum und Zucker) der letzten Nacht zwischen den Fässern schnarchten, im Halbschlaf wüste Reime dichteten oder fluchten, an den Seilen bis zum Grossmast hinauf, und sass dort andächtig an der höchstmöglichen Stelle. Es ging eine ungeheure Kraft von ihm aus. Dann wartete Noah bis die Sonne am Horizont kugelrund und blutrot aufstieg. Ja, es dünkte mich, als ob er das Licht der Sonne einsog...“
Ich merkte, wie sich der Erzählstil von Ben Gunn veränderte, er wurde direkt schwärmerisch und leidenschaftlich, so dass es mir im ersten Moment unangenehm war. Seine Augen lebten, sie glänzten und funkelten bei seinen Erzählungen. Ich glaube, dass er damals völlig eintauchte in seine Vergangenheit. Seine Glücklichkeit und berauschte Stimmung riss mich mit, sprachlos sass ich ihm gegenüber. Ich liess seine Schilderungen regelrecht auf mich wirken und es tat meinem Gemüte gut.
Es war eine interessante, friedliche Abwechslung zu meiner turbulenten und angsterfüllten nahen Vergangenheit.
Das Schöne ist aber vergänglicher als bekanntlich nichts anderes auf der Welt und die Gefühle der Erzählung änderten sich. Ben Gunns Wiedergaben wurden verstockter und bekam einen wankenden Unterton: „Es schien niemanden zu stören, dass er sich ein wenig eigen verhielt, jedenfalls äusserte sich niemand öffentlich. Für mich war es zur Gewohnheit geworden, Noah so oft wie möglich zu betrachten. Es fiel mir daher rasch auf, als sich der Gute nach etwa vier Monaten auf dem Atlantik, veränderte.
Er redete oft, ja spielte zu weilen sogar mit dem Schiffsjungen John. Auch besuchte Noah merkwürdigerweise häufig die Ziege im Proviantraum und schaute vermehrt in die Ferne des Meeres. Irgendwie muss ihn eine Art Liebe mit der Weite des Meeres verbunden haben.“ Hier schwieg dieser genaue Erzähler, es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Er senkte den Kopf, ich erinnere mich noch gut, strich sich mit einer Hand unter seinem verfilzten Haarpelz über den Nacken und schaute mir direkt in die Augen, während er die Erzählung über Noah erneut aufnahm. „Es ging eindeutig bergab mit ihm, oft sah ich ihn mit verweinten Augen arbeiten. An anderen Tagen schuftete er wie ein Verrückter in der drückenden Hitze, schrubbte freiwillig das Deck und übergab sich darnach.
Eines Abends, wir wussten, dass uns ein Unwetter bevorsteht, sah man Noah seelenruhig von Platz zu Platz wandeln, die übrige Besatzung, mich mit eingeschlossen, waren intensiv daran Vorkehrungen für den Sturm zu treffen.
Der Schiffszimmermann hämmerte Nägel in die lottrigsten Holzstücke, der Schiffskoch band alle Pfannen und Küchengeräte in seiner Kombüse (Schiffsküche) fest, die Pulverkammer wurde gut abgesichert und der Schiffsjunge knotete dicke Seile um die Ruderspinne (eine am Ruder befestigte Stange zum Steuern des Schiffes). Alle waren drauf und dran, denn der Sturm nahte, alle witterten die herannahende Naturgewalt. Nur Noah kümmerte das nicht, er schlenderte mit nachdenklichem Gesichtsausdruck durch unser Schiff. Niemand pöbelte ihn an, vielleicht weil sein Leib seit ein paar Tagen so zart und beinahe durchsichtig schien. Das Gewitter war heftig und glücklicherweise kurz, niemand hatte einen nennenswerten Schaden daraus erlitten.
Aber dann, als die See sich beruhigt hatte, liess sich Noah voller Ruhe über die Reling kippen. Im Fall schien seine Überzeugung so stark zu sein, wie die eines jagenden Falkens im Sturzflug. Kopf voran glitt er ins schwarze Wasser. Just in diesem Moment kam ein neuer Wind auf und wir hatten keine Möglichkeit Noah sofort zu retten. Da die Besatzung knapp war und wir Verluste dieser Art nicht verantworten konnten, verstehst du Jim, unverantwortbar, ob der Sprung absichtlich oder versehentlich war, macht keinen Unterschied, verordnete Flint ein Mann-über-Bord-Manöver zu starten. Wir waren auf Halb-Wind-Kurs und mussten demzufolge das kompliziertere Manöver anwenden. Es brauchte Geduld und höchste Präzision der gesamten Schiffsbesatzung. Wir hatten Mühe das Schiff bis in den Raumwind-Kurs zu bringen, halsten danach und kreuzten somit den befahrenen Weg wieder. Wir fuhren um es grob zu sagen eine Acht ab. Bei der Unglücksstelle wieder angekommen, fischten einige kräftige Männer Noah aus dem Wasser.
Die See war an diesem Tage kalt und der Wind kühl, Noah hatte blaue Lippen, ein Zeichen von Unterkühlung. Wir zogen ihm seine durchnässten Matrosenlumpen aus, um ihm etwas Warmes anzuziehen. Deutlich sah ich aber, wie er sich dagegen sträubte, er widersetzte sich mit den letzten Kräften. Aber er war einfach zu schwach, schwach wie ein Baby, um etwas ausrichten zu können. Um seine Brust hatte er ein straffes Band, die blauen Streifen oberhalb und unterhalb des Bandes erschreckten mich, sein Bauch war seltsam geschwollen, ja gar straff und rundlich.
Doch bevor ihm jemand das Band um die Brust entfernen konnte, mischte sich Jack, ein immer freundlicher und gutgesitteter Mann ein. Mit hängendem Kopf und trauriger Miene erklärte uns Jack, dass Noah eine verkleidete Frau sei und dazu schwanger. Sie hiesse Rose und sei seine heimliche Geliebte. Doch bevor jemand etwas sagen oder fragen konnte, riss Rose die Augen auf und erstarrte so für immer.“ Nun weinte Ben Gunn wie ein kleines Kind und währenddessen er so leidvoll dahin schluchzte, sprach er: „Der rechtschaffene, vom Schicksal geschlagene Jack erzählte uns dann später von den Ängsten seiner geheimen Freundin, sie hatte nämlich immerzu Sorge entdeckt zu werden; spätestens bei Geburt des Kindes. Er sagte auch verbittert, wie er es bereue, so töricht gewesen zu sein sich mit Rose einzulassen. Er habe sie einmal zufälligerweise beim Waschen gesehen und es sei um ihn geschehen gewesen. Rose erging es ebenso und sie trafen sich regelmässig in der dunklen, klaren Sternennacht.“
Ben Gunn warf einen verständnislosen Blick Richtung Himmel und beendete die Erzählung mit den würdevollen Worten: „Die Geschichte ist uns allen sehr nahe gegangen, viele der sonst so harten, bestialischen Seemänner, mitunter mir, weinten. Einige christliche Patrioten entschieden sich dann eine britische Flagge um Roses bewohnten Körper zu wickeln und wir gaben sie auf einer Holzlatte den sanften Wellen des unendlich zu scheinenden Meeres hin. Wir ehrten diese mutige Frau zutiefst und anerkannten dies, während einer Abschiedszeremonie in Ruhe und Gedenken. Jemand las Bibelstellen vor, bis die Piratin am Horizont verschwunden war.“
Ben Gunn schüttelte es abermals, während er nach den Schlussworten lange Tränenbächlein weinte. Er krümmte sich zusammen und versank einige Momente sinnend in seiner Trauer. Auch mich liess das Ganze nicht kalt, ich war traurig und nachdenklich gestimmt. Seltsamerweise gefiel mir meine Gemütslage.
Plötzlich, Ben Gunn musste sich wieder ganz in den alten verwandelt haben, reagierte er zum zweiten Male auf die britische Flagge.
„ ‘Schau hin‘, sagte er, ‘das sind deine Freunde‘ “ (Stevenson 2000, 163).
Meiner Meinung nach wurde ich in ein angenehm warmes Gewässer geworfen mit dieser SLA. Natürlich mit üppigem Seegang und gelegentlich gefährlichen Meerestieren, aber bestimmt nicht in ein kaltes Wasser. Diese Aussage kann ich glücklicherweise machen, da wir im regulären Deutschunterricht ebenfalls ein Kinderklassiker nach der Form und der Idee der eigentlichen SLA besprochen haben.
Die Frage, ob gestellte Ziele erreicht worden sind? Mein Ziel könnte durch seine Unerschöpflichkeit nicht abgeschlossen dargestellt werden; aber einige Schritte, ja eine kleine Wanderung habe ich getan und hoffe es wird dem Leser für den Moment zufrieden stellen. Eine leidet vielleicht auch unter folgender Erkenntnis:
Am Anfang der Arbeit begann ich zu verstehen wie unwahrscheinlich ergiebig ein einzelnes Buch sein kann. Ein jedes Buch ist wie eine Schatzkammer, aber Gold und Silber können blind machen und dazu verrückt. Im Sinne meiner Arbeit spreche ich die Vielfalt der möglichen Themenbereiche an; um diese erfolgreich zu wählen und in sich interessant zu gestalten ist eine persönliche Systematik absolut notwendig. Durch das Auflisten von möglichen Zitaten und denkbaren Titelsetzungen bin ich auf meine endgültigen Oberkapitel und Unterkapitel gekommen. Denn durch das Auflisten gibt es eine Ordnung, in der wichtige Tatsachen zu Tage kommen. Ebenfalls ist mir das Mindmapping hier eine grosse Hilfe gewesen. Als Haupterfahrung und wichtigste Voraussetzung für eine fruchtbare Arbeit mit einem Buch würde ich folgendes sagen: Das Abenteuerbuch liegt vor einem, die Geschichte liegt in einer vollkommenen Gestalt da; die Kunst und die unbedingte Dringlichkeit ist es jetzt, das Abenteuer zu verinnerlichen. Denn nur so beginnt die fremde Vollkommenheit in einem zu wirken und kann neue Verbindungen, Parallelen, Gegensätze, Ideen und versteckte Grundsätze zu erkennen. Als weiteren wichtigen Erfahrungspunkt würde ich das Offen-Sein gegenüber der Entwicklung eines selbst geschriebenen Textes; die Nachbearbeitung, die Erneuerung, die Ergänzung oder das Löschen von Textstellen anschneiden.
Ein herzlicher Dank geht an meine Eltern, die mich seelisch und PC-technisch unterstützt haben, an meine Referentin Barbara Sturzenegger, welche all meine Fragen nützlich beantwortete, an Martina Schmucki, welche mir half Ordnung in meine teils verstrickten Texte zu bringen und an Hans Egger, der mich mit dem nötigen Fachwissen der Segelkunde berieselte.
Stevenson, R.L.: Die Schatzinsel. Zürich: Diogenes Verlag AG o.J. (=detebe-Klassiker 20701)
Baumgärtner, A.C. und Launer, Ch. :“Abenteuerliteratur“. In: Lange, G. (Hg.):Band 1 Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH 2000 2 Aufl., 415-440.
Kümmerling-Meibauer, B.: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur 2 Bde. Stuttgart/Weimar: Metzler Verlag 1999.
Melville, H. (nacherzählt von Waldbrecker, D.): Moby Dick. Wien-München: Anette Betz Verlag 1992.
Platt, R. und Riddell, Ch: Mein Leben auf dem Piratenschiff. Hamburg: Carlsen Verlag GmbH 2001.
Brockhaus, o.A.: Der neue Reader`s Digest Brockhaus 2 Bde. Stuttgart/Zürich/Wien: Das Beste GmbH 1973.
Internet1: Shanties? Vorgeschichte. <http://www.shanty-ippinghausen.de/> (ohne Datum) [Stand: 11.8.2002].